Psychotherapie – Postoperative Anliegen

Vortrag
gehalten am „Konsensus-Treffen Transsexualität“
12.+13. November 2004 / Salzburg

 

Im Bereich der Psychotherapie gibt es zahlreiche Schwerpunkte, über die derzeit viel diskutiert wird, wobei die Meinungen darüber oftmals divergierend sind:

* Sinn der Psychotherapie
* Zeitrahmen, über den sich die Therapie erstrecken soll
* soll ein festgelegtes Stundenkontingent verbindend sein
* und vieles mehr …

Allgemein lässt sich feststellen, dass unter den ExpertInnen doch weitgehend Einigkeit darüber herrscht, dass transsexuelle Menschen langfristig gesehen eine stabile Prognose haben.

Es ist im Verlauf des Konsensustreffens klar geworden, dass es nicht nur „DIE Transsexualität“ gibt. Dieses Phänomen hat unzählige Erscheinungsformen, sodass wir richtigerweise in der Mehrzahl – von unterschiedlichen Transsexualitäten – sprechen müssen.
Wenn wir bei einer Person die Diagnose Transsexualität stellen, heißt dies auch noch lange nicht, dass es zwingend zu somatischen und operativen Maßnahmen kommen muss. Viele betroffene Menschen finden heute auch andere Wege und „Lösungsmöglichkeiten“, wie sie mit ihrer Transsexualität umgehen können.

Wie definieren wir nun das Ziel der Psychotherapie bei transsexuellen Menschen?
Ganz allgemein ausgedrückt können wir sagen: Das Ziel der Therapie ist die Versöhnung dieser Person mit ihrem biologischen Geschlecht.

Ich möchte nun einige statistische Zahlen aus meiner Erfahrung präsentieren:

Ich habe in meiner Praxis bisher 120 Therapien abgeschlossen. Die laufenden sind in diesem Zahlenmaterial nicht berücksichtigt, da hier der Ausgang der Therapie noch offen ist.

* Von diesen 120 PatientInnen wurden bisher 58 operiert.
* 30 Personen haben sich für eine andere Möglichkeiten entschieden, wie sie ihr Leben gestalten – was aber nicht heißt, dass sie sich auch mit ihrem biologischen Geschlecht „versöhnt“ haben!
* 15 PatientInnen haben aufgrund familiärer Umstände (meist der Kinder, aber auch der PartnerInnen wegen) die Operation hintangestellt. Bei ihnen ist es durchaus möglich, dass sie sich zur Durchführung der Operation entschließen, wenn z.B. die Kinder erwachsen sind.
* 10 Personen haben die Therapie vorerst beendet, da sie sich noch nicht sicher sind, ob sie den Weg auch „durchhalten“ werden.
* 7 PatientInnen hatten zusätzliche Diagnosen.

Die Psychotherapie bei transsexuellen PatientInnen kann und soll nicht nur auf die Diagnose der Transsexualität fokussiert arbeiten, sondern – wie bei jeder anderen Diagnose auch – die gesamte Persönlichkeitsstruktur des betroffenen Menschen miteinbeziehen.

In einem klar formulierten Kontrakt zwischen PsychotherapeutIn und PatientIn müssen folgende Punkte geklärt sein:

* Diagnostik
* weiterführende Diagnostik
* Bildung der Beziehungs- und Vertrauensebene
* Kennenlernen der Patientin/des Patienten
* individuelle Dauer der Therapie
* Durchführung des Alltagstests – sofern dieser nicht ohnehin schon gelebt wird (ich habe in meiner Praxis die Erfahrung gemacht, dass ein relativ hoher Prozentsatz der betroffenen Menschen bereits im Alltag in dem von ihnen angestrebten Geschlecht leben
* Hormonbehandlung
* Begleitung während der operativen Eingriffe
* Angebot zur postoperativen Therapie

Während des Behandlungsprozesses ist es auch wichtig abzuklären, welche Erwartungen und Ziele der/die PatientIn für die Zukunft hat („Realitätsüberprüfung“). Wie weit realisiert dieser Mensch, dass sich durch eine Operation bei weitem nicht alle eventuell aufgetretenen Probleme lösen lassen und dass mensch nicht durch die Operation „zu Frau oder Mann wird“.
Über welchen Wissenstand und über welche Informationen verfügt sie/er und wie kann ich bei eventueller Fehlinformation aufklären!

Daraus folgt, dass es äußerst wichtig ist, dass PsychotherapeutInnen wirklich über sämtliche Schritte des Behandlungsprozesses Bescheid wissen:

* Hormone
körperliche und damit einhergehende psychische Auswirkungen
Für einzelne PatientInnen kann durchaus eine hormonelle Behandlung ohne weitergehende operative Eingriffe ausreichend sein.
* Operationstechniken
Ich stelle immer wieder fest, dass PatientInnen bei den Gesprächen mit den OperateurInnen unter ziemlich hohem psychischen Druck stehen und daher oft nur Teile der ihnen angebotenen Informationen aufnehmen können. In einer tragfähigen Beziehung zwischen TherapeutIn und PatientIn kann dies angesprochen werden und fehlende Informationen können nachgereicht werden.
Voraussetzung hierfür ist eine entsprechende Vernetzung zwischen den TherapeutInnen und den OperateurInnen.

Es muss auch möglich sein, eine Auseinandersetzung über die Ängste und Bedenken, die vor einer Operation auftreten können zu führen. Hier darf es seitens der TherapeutInnen jedoch keinerlei Wertung geben, die sich auf die Entscheidung zur Operation auswirken könnte. Es ist ausschließlich die Entscheidung der PatientInnen, wie weit sie auf ihrem Weg gehen möchten! Als PsychotherapeutInnen müssen wir während des gesamten Behandlungsverlaufes dem Ausgang gegenüber offen sein!

Durch das „coming out“ des betroffenen Menschen entsteht eine Dynamik bei den Familienmitgliedern und es ist sinnvoll, diese in die Therapie miteinzubeziehen. Deren Reaktionen, seien es Akzeptanz, Ablehnung, Ignoranz oder auch das Drängen zur Operation sollten ebenfalls bearbeitet werden.

Es gibt natürlich auch PatientInnen, mit denen eine Psychotherapie im herkömmlichen Sinn nicht möglich ist – und es erscheint auch nicht sinnvoll, sie zu dieser zu zwingen! In diesen Fällen ist es wahrscheinlich das Beste, die PatientInnen in größeren Abständen zu sehen und im Sinn des „clinical assesement“ vorzugehen, wie Becker das in ihrem Buch „Transsexualität – Geschlechtsidentitätsstörung“, 2004) empfiehlt.

Für PsychotherapeutInnen, die eine Therapie mit transsexuellen PatientInnen eingehen, ist der bewusste und sorgfältige Umgang mit der Gegenübertragung eine wichtige Voraussetzung.
Während des Therapieprozesses können eigene Affekte ausgelöst werden:

* sich unter Druck fühlen, den PatientInnen ja auch zeitweise ausüben
* Manchmal entsteht Verwirrung darüber, wie man die transsexuellen PatientInnen wahrnimmt – einmal als „er“, dann wieder als „sie“
* Allmachtsgefühle – ich man kann die PatientInnen „retten“
* andrerseits auch entsprechende Ohnmachtsgefühle
* und vieles mehr

Daher ist eine kontinuierliche Selbstreflexion und Supervision von eminenter Bedeutung. Und dies gilt nicht nur für die PsychotherapeutInnen, sondern für alle an dem Behandlungsprozess beteiligten ExpertInnen!

Wir alle, die an dem Behandlungsprozess beteiligt sind, tragen gemeinsam die Verantwortung für die PatientInnen!
 

Statistik 1989 bis 2003

 

 

Elisabeth Vlasich

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